Rückversicherung

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Denis Bousquet, Global Chief Technical Officer für Raumfahrtversicherungen bei AXA XL, und Julien Cantegreil, CEO des SpaceAble

Die Zahl der Satellitenstarts in eine niedrige Erdumlaufbahn schießt – entschuldigen Sie bitte das Wortspiel – in die Höhe. Eine drastische Senkung der mit Satellitenstarts verbundenen Kosten in Kombination mit einem aus verschiedenen Gründen steigenden Interesse an der Erforschung des erdnahen Orbits lassen den Markt hierfür weiterhin schnell wachsen. Dies ist zwar aufregend in Bezug auf Innovation, erhöht aber zugleich die Risiken im Weltraum. Denis Bousquet, Global Chief Technical Officer für Raumfahrtversicherungen bei AXA XL, und Julien Cantegreil, CEO des Raumfahrt-Start-ups SpaceAble, diskutieren, wie die Nutzung von Daten dabei helfen kann, diese Risiken nicht nur besser zu verstehen sondern auch die Nachhaltigkeit im Weltraum zu verbessern.

Während wir im vergangenen Jahr auf der Erde mit den Auswirkungen einer globalen Pandemie zu kämpfen hatten, gab es keine Veränderung bei der Anzahl der Satelliten, die ins All geschossen wurden. Tatsächlich war die Zahl der Starts in die niedrige Erdumlaufbahn mit 95 der höchste Wert seit 1990, und er wird in den kommenden Jahren sogar noch massiv ansteigen.

Low Earth Orbit (LEO) ist eine Umlaufbahn in einer Höhe von etwa 1.000 Kilometern oder weniger von der Erdoberfläche.

Die Kosten für den Start in den LEO sind in den letzten 20 Jahren um den Faktor 20 gesunken, weshalb immer mehr Kunden Satelliten in den Orbit schicken wollen. Und eine Vielzahl unterschiedlicher Anwendungen für LEO-Satelliten bringt mit sich, dass es ebenso viele Arten von Kunden auf dem Markt gibt. Zu diesen gehören u.a. Telekommunikationsunternehmen, nationales Militär oder wissenschaftliche Forschungsorganisationen, um nur einige zu nennen. Es gibt dementsprechend eine große Bandbreite an Nutzungsinteresse, Einsatzbereichen und Erfahrung. All dies trägt aber zugleich zur Vielfalt der Risiken bei.

Risiken

Im vergangenen Jahr gab es nicht nur ein hohes Aufkommen an Starts in den LEO, sondern auch die höchste Ausfallrate von Trägerraketen seit mehr als 20 Jahren. Da viele dieser Trägerraketen neu entwickelt und gebaut wurden, trugen sie ein größeres Ausfallrisiko. Dies ist eindeutig ein Risiko, das Underwriter und Risikomanager im Blick haben.

Wenn Satelliten nach dem Start einen Schaden erleiden, eine Störung aufweisen oder aufgetankt werden müssen, kann man sie natürlich nicht einfach wie ein Auto in die Werkstatt oder zur Tankstelle bringen. Irgendwann in ihrem Lebenszyklus gehen Satelliten kaputt, und wenn das Problem nicht softwarebasiert, also möglicherweise vom Boden aus behoben werden kann, gibt es schlichtweg keine realistische Möglichkeit, sie zu reparieren.

Somit fliegen im LEO Trümmer herum, deren Anzahl mit der steigenden Zahl an Satelliten weiter zunimmt. Entsprechend erhöht sich auch das Kollisions- und Beschädigungsrisiko noch funktionierender Satelliten.

Die Satelliten, die in den LEO gebracht werden, sind in der Regel kleiner als solche für höhere Umlaufbahnen. Aufgrund ihrer geringen Größe können sie anfällig für das zyklische Weltraumwetter und unter anderem dem Stressrisiko durch Sonneneinstrahlung ausgesetzt sein.

Wenn wir in der Lage sind, zuverlässige historische Schadendaten über die Ursachen von Satellitenausfällen zu erfassen, können wir die Risiken für neue Starts besser versichern und vorhersagen.

Durch die Sammlung und Nutzung von weltraumbezogenen Daten und Modellen in Verbindung mit der jahrzehntelangen Erfahrung von AXA XL im spezifischen Underwriting und Risikomanagement können wir genauere Erkenntnisse darüber gewinnen, wie wir Risiken managen und die Nachhaltigkeit im Weltraum verbessern können.

Raumfahrtversicherung

Der Versicherungsschutz spielt eine wichtige Rolle bei der Ermöglichung von Weltraumstarts und deckt die drei Phasen der Satellitenumlaufbahn ab. Erstens kann die Versicherung die mit dem Flug der Trägerrakete verbundenen Risiken abdecken, von der Zündung bis zur Abtrennung des Satelliten in der Umlaufbahn.

Eine Versicherung kann auch zur Übertragung der Risiken abgeschlossen werden, die in der Phase nach der Trennung auftreten können: die anfängliche Betriebsphase, der Eintritt in die Umlaufbahn, die Entwicklung und Erprobung und die Lebensdauer im Orbit bis zur Inbetriebnahme.

Drittens kann eine Versicherung die Risiken der Lebensdauer eines Satelliten in der Umlaufbahn abdecken. Diese Versicherung wird auf jährlicher Basis abgeschlossen und auf der Grundlage des Zustands des Satelliten überprüft.

Neben Deckungen wie bedingter Betriebsunterbrechung für Satellitenbesitzer, Betriebsunterbrechung für Satellitennutzer und Warentransport- / Sachdeckungen für die Satellitenhersteller und Startdienstleister können Spezialversicherer zusätzlichen Risikotransfer für Risiken im Zusammenhang mit Triebwerkstests, In-Orbit-Services, bemannter Raumfahrt und Weltraumhäfen sowie Politische Gefahren und Kreditrisikodeckungen für Startverspätungen anbieten, um nur einige zu nennen.

Derzeit ist etwa die Hälfte aller Starts mit Satelliten versichert.

Nachhaltigkeit

Wie der britische Astronom Fred Hoyle feststellte, ist der Weltraum gar nicht so weit von der Erde entfernt. Tatsächlich sind wir – als Planet Erde – selbst ein Teil des Weltraums. Hoyle drückte es so aus, dass „der Weltraum überhaupt nicht abgelegen ist. Es ist nur eine Autostunde entfernt, wenn man mit dem Auto direkt nach oben fahren könnte.“

Und so wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit hier auf der Erde zu unternehmerischen und gesellschaftlichen Triebfedern geworden sind, so sollten sie es auch im Weltraum sein. Die rasante Zunahme des Weltraumverkehrs, insbesondere im niedrigen Erdorbit, erhöht das Risiko von Kollisionen erheblich. Dies wiederum erhöht das Potenzial für Trümmer und Fallout weiter.

Heute befinden sich etwa 3.000 aktive Satelliten in der Umlaufbahn, bis 2030 werden es wahrscheinlich bis zu 100.000 sein. Wir müssen uns fragen, wie wir dies zu einem nachhaltigen Wirtschaftsbereich machen können. Wir glauben, dass die Nutzung und Extrapolation der Daten, die wir über unsere Partnerschaften sammeln können, zu einem besseren Risikomanagement und damit zu mehr Nachhaltigkeit beitragen kann.

Datennutzung

Sensoren geben uns die Möglichkeit, das Weltraumwetter und seine Auswirkungen auf die Erde besser zu verstehen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie das Weltraumwetter die Erde beeinflussen kann. Zum Beispiel können Sonneneruptionen Funkausfälle erzeugen, solarenergetische Partikel können elektrische Ausfälle in Satelliten verursachen, und koronale Massenauswürfe können geomagnetische Stürme auf der Erde verursachen, die unter anderem Stromnetze beeinträchtigen können.

Aus unserer Sicht kann die Nutzung von Daten zum Thema Weltraumwetter dabei helfen, Risiken am Boden besser zu managen.

Auch Sensoren können uns ein besseres Verständnis für die Wirkung des Trägheitswinkels auf Satelliten vermitteln, und auch dies wird uns helfen, die Kräfte, die auf Satelliten im Orbit wirken, und die damit verbundenen Risiken zu verstehen.

Die Daten, die durch den Einsatz von Weltraum-Situationserkennungssensoren abgeleitet und nutzbar gemacht werden können, werden unserer Meinung nach auch dazu beitragen, neue und zuverlässige Vorschriften für Starts und Umlaufbahnen zu entwickeln. Im Gegenzug werden strengere, internationale Vorschriften dazu beitragen, die Sicherheit und Nachhaltigkeit zu verbessern.

Bis zur Unendlichkeit und darüber hinaus

Wir glauben, dass dies der Beginn einer Bewegung zur besseren Nutzung des Weltraums ist. Weltraumrisiken sind beherrschbar. Und im Weltraum, genau wie auf der Erde, beginnt ein ausgeklügeltes Risikomanagement mit hochwertigen Daten. Wenn wir den Lebenszyklus eines Satelliten besser verstehen können – die Risiken, denen er ausgesetzt ist und denen er standhält, und die Auswirkungen verschiedener Einflüsse auf seine Lebensdauer – können wir nicht nur Weltraumrisiken besser versichern, sondern auch unseren Teil zur

Verbesserung der Nachhaltigkeit im Weltraum beitragen.

Wir glauben, dass ein besseres Verständnis der Risiken für Satelliten im LEO den Markt nur beflügeln und weitere Innovationen auslösen kann, während die Menschheit den Weltraum weiter erforscht. Wir sind gespannt, was die Partnerschaft zwischen AXA XL und SpaceAble für unser Verständnis des LEO und die Rolle bedeuten wird, die wir in diesem dynamischen und sich entwickelnden Bereich spielen können.

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