Rückversicherung

Die COVID-19-Pandemie hatte zwar zunächst nur einen kurzen Schockeffekt auf die Lieferketten, allerdings haben sich weltweit auch längerfristige Auswirkungen auf das Management der Lieferketten ergeben.

Pascal Matthey, Marine Risk Consulting Manager Marine bei AXA XL, lässt anlässlich der nahenden Festtage bisher gemachte Erfahrungen und Maßnahmen Revue passieren, die Unternehmen ergreifen können, um die Widerstandsfähigkeit ihrer Wertschöpfungsketten zu verbessern.

Die zweite Welle von COVID-19 wird uns auch jetzt, da wir uns den Feiertagen nähern, weiter beschäftigen. Obwohl es erhebliche Unsicherheiten in Bezug auf die Art und Weise gibt, wie wir dieses Jahr gemeinsam feiern werden, sind viele Unternehmen auf eine steigende Nachfrage nach bestimmten Produkten vorbereitet.

Weltweit bereiteten wir uns auf das lange Black-Friday-/Cyber-Monday-Wochenende vor – vier Tage nach Thanksgiving in den USA und traditionell die umsatzstärkste Einkaufsperiode des Jahres. Letztes Jahr übertraf das Wochenende bisherige Rekorde und allein am Black Friday lag der Onlineumsatz in den USA bei 7,4 Milliarden US-Dollar.

Experten gehen davon aus, dass dieses Jahr noch umsatzstärker sein wird, weil Verbraucher sich jetzt noch mehr daran gewöhnt haben, online einzukaufen, um günstige Angebote zu nutzen.

Dies wird wahrscheinlich einen Anstieg des Frachtverkehrs in den Häfen bedeuten. Der CEO des Hafens von Los Angeles, dem wichtigsten Überseehafen der USA, der vor allem für den Handel zwischen den USA und China wichtig ist, sagte beispielsweise, dass die Importe im Oktober im Vergleich zum Vorjahr um 17 % gestiegen seien.

Während sich die Häfen für diesen Zeitraum mit deutlich zunehmendem Warenumschlag rüsten, kommt dieses Jahr erschwerend dazu, dass sie ein besonderes Augenmerk auf den Gesundheitsschutz ihrer Mitarbeiter und die Einhaltung der Social-Distancing-Regeln richten müssen.

Herausforderungen für Lieferketten

Die Notwendigkeit, den physischen Abstand zu wahren, und die oft reduzierte Personalbesetzung in vielen Luft-, Land- und Überseehäfen und -Terminals führen dazu, dass es länger dauern kann, Container und deren Ladung umzuladen und auf die nächste Etappe ihrer Reise zu schicken.

Während der ersten Welle des Virus beobachteten wir, dass in einigen Häfen Engpässe auftraten und Lagerkapazitäten vergrößert werden mussten, um die eingehenden Warenmengen zu bewältigen. Viele Waren mussten zudem wegen Verzögerungen und Rückstaus in den nachfolgenden Schritten der Lieferkette länger als üblich in den Häfen gelagert werden.

Dies hat besondere Auswirkungen auf verderbliche Güter, die unbrauchbar werden können, wenn sie zu lange gelagert werden. Werden solche Waren in Häfen zwischengelagert, sollten die Kunden zusätzliche Kontrollmaßnahmen zur Überprüfung der Lagerbedingungen einführen. Faktoren wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit des Lagers können beispielsweise aus der Ferne überwacht werden. Zusätzlich sollten sich Auftraggeber auch vergewissern, dass Schädlinge entsprechend bekämpft werden und ihre Waren ausreichend verpackt sind.

Auch auf die Lieferkette für nicht verderbliche Waren kann sich eine längere Lagerzeit in Häfen negativ auswirken. Verzögerungen bei der Lieferung von Teilen für die Fertigung können den Kunden daran hindern, sein Endprodukt rechtzeitig fertigzustellen und so der Nachfrage seiner Endkunden nicht nachkommen zu können.

Aufrechterhaltung der Lieferkette 

Wir arbeiten täglich mit unseren Firmenkunden zusammen, um potenzielle Risiken durch Engpässe und Schwachstellen in ihrer Lieferkette zu ermitteln und Wege zu finden, diese Risiken zu minimieren.

Die COVID-19-Pandemie hat verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass Unternehmen die verschiedenen Stufen ihrer Lieferketten verstehen und wissen, wer und wo ihre Lieferanten sind.

Wir fordern unsere Kunden dringend auf, einen guten Überblick über ihre Lieferkette und deren Widerstandsfähigkeit zu behalten. Sie müssen sich fragen: „Welche Waren brauche ich, woher kommen sie und wer versendet sie?“

Generell gilt: Je länger sich ein Artikel auf dem Transportweg befindet, desto mehr Risiken ist er ausgesetzt. Dies hat die COVID-19-Pandemie deutlich gemacht. Eine übermäßige Abhängigkeit von einem oder mehreren Lieferanten aus einer einzigen geografischen Region kann zum Problem werden, sollten die aufgrund einer Pandemie oder eines anderen Systemrisikos gezwungen sein, ihre Produktion zu stoppen oder zumindest drastisch runterzufahren.

Eine solche Abhängigkeit hat viele Kunden dazu veranlasst, Anpassungen in ihren Lieferantennetzwerken vorzunehmen.

So hat die britische Hafenbehörde kürzlich festgestellt, dass Unternehmen ihre Lieferketten nicht mehr auf einen oder wenige Hersteller in einem Land konzentrieren, sondern vermehrt auch geografisch näherliegende Produktionsstandorte bevorzugen. Einige europäische Unternehmen haben beispielsweise versucht, einen Teil ihrer Produktion von Asien nach Osteuropa zu verlagern, wo die Produktionskosten zwar höher, die Durchlaufzeiten jedoch dementsprechend kürzer sind.

Um ihre Lieferkette in diesen außergewöhnlichen Zeiten aufrechtzuerhalten und ihre Waren in Bewegung zu halten, haben sich viele Kunden zudem nach neuen Transportunternehmen umgeschaut. Es ist jedoch wichtig, dass die Kunden bei der Bewertung der Betriebssicherheit und der Sicherheitsstandards neuer Logistikdienstleister dasselbe Maß an Sorgfalt walten lassen wie unter „normalen“ Umständen vor der Pandemie.

Auch technische Fortschritte spielen eine wichtige Rolle, damit Unternehmen ihre Lieferketten im Griff haben. Durch den verstärkten Einsatz von entsprechender Tracking-Technik (wie z.B. Sensoren) erhalten Kunden schneller Informationen über den Verbleib von Waren und können so bei Verzögerungen oder Engpässen früher eingreifen. Hinzu kommt, dass Technik die Notwendigkeit menschlichen Eingreifens in Lieferketten reduzieren kann – ein besonderer Vorteil in diesen unsicheren Zeiten, in denen Menschen nach Möglichkeit den erforderlichen Abstand halten müssen, um die Ausbreitung von COVID-19 zu verhindern. Internationale Versicherer und Risk Engineering Teams arbeiten daran, ihren Kunden zu helfen, die Chancen zur Risikominimierung, die sich aus diesen technologischen Fortschritten ergeben, zu verstehen und nutzbar zu machen.

Die COVID-19-Pandemie hat enorme Auswirkungen auf Lieferketten auf der ganzen Welt. Sie hat vielleicht die Arbeitsweise vieler Unternehmen für immer verändert. Niemand kann sicher sein, wie sich Verbraucher in der bevorstehenden Weihnachtszeit verhalten werden, aber Unternehmen müssen sich auf Nachfrageschwankungen vorbereiten, um schnell darauf reagieren zu können.

Risk Engineering ist ein kontinuierlicher Prozess, bei dem ständig neue Lehren aus dieser Pandemie und ihren Auswirkungen gezogen werden müssen. Da sich die Risiken verschieben und weiterentwickeln, werden wir auch weiterhin mit unseren Kunden im Gespräch bleiben, um die Auswirkungen auf ihre Lieferketten zu verstehen und zu versuchen, die Waren in Bewegung zu halten – ob aus der Ferne oder durch Risikobegehungen vor Ort.

  • Über den Autor
  • Global Marine Risk Consulting Manager, AXA XL
Ihr Vorname
Ihr Nachname
Länderauswahl
E-Mail-Adresse
Invalid Captcha
 
Newsletter

Weitere Artikel