Rückversicherung

Von

Marc Werdehausen, Senior Underwriter Casualty Germany und Stephanie Bristow, Class Underwriter, Healthcare, London

COVID-19 hat Life-Science-Unternehmen auf der ganzen Welt vor eine Reihe von neuen und sich verändernden Herausforderungen gestellt. Stephanie Bristow, Class Underwriter, Healthcare London, und Marc Werdehausen, Senior Underwriter Casualty Germany bei AXA XL, erörtern die neuen Risiken, mit denen Life-Science-Unternehmen konfrontiert sind, und wie Risikomanagement und -transfer zu ihrer Bewältigung beitragen können.

Die COVID-19-Pandemie ist ein globaler Notstand im Gesundheitswesen, von dem Millionen von Menschen betroffen sind. Sie hat zu einem tragischen Verlust von Menschenleben geführt und verursacht bei vielen Menschen anhaltendes Leid und bleibende gesundheitliche Folgen. Unter den vielen betroffenen Industrien sind nicht zuletzt Life-Science-Unternehmen zu nennen, die sich in vielerlei Hinsicht direkt im Auge des Sturms befinden. Viele Unternehmen mussten nicht nur ihre Mitarbeitenden schützen, sondern auch Wege finden, die Produktion aufrechtzuerhalten und mit Unterbrechungen in der Lieferkette zurechtzukommen. Außerdem mussten sie Ressourcen umleiten und die Produktion von Medikamenten und Geräten erhöhen, die die Symptome von COVID-19 Patienten lindern können.

Life-Science-Unternehmen mussten auch die Patienten schützen, die an klinischen Studien teilnahmen, und die Forschung und Entwicklung trotz aller Begleitumstände fortsetzen. Und natürlich haben sich viele an der Suche nach Impfstoffen beteiligt.

Die Risiken, mit denen viele Unternehmen konfrontiert sind, haben sich verschoben und in einigen Bereichen sogar verstärkt, während sie sich mit diesen neuen Herausforderungen auseinandersetzen. Während der Krise haben Risikoberater und Underwriter gemeinsam mit ihren Kunden nach Wegen gesucht, um einige dieser komplexen und sich entwickelnden Risiken zu bewerten, zu managen und zu übertragen.

Der Wettlauf um einen Impfstoff

In den letzten Wochen wurde rund um den Globus mit den Impfungen begonnen und es gibt ermutigende Anzeichen dafür, dass die Impfstoffe noch vor Ende 2021 flächendeckend verteilt werden könnten.

Dies ist ein Beispiel für eine enorme Innovation; die Entwicklung von Impfstoffen kann bis zu zehn Jahre oder länger dauern. Die Suche nach Vakzinen gegen COVID-19 war eine globale – und mit hoher Dringlichkeit vorangetriebene – Anstrengung. Die daran beteiligten Life-Science-Unternehmen mussten sich an veränderte Regularien und der Notwendigkeit nach zügigem Vorgehen anpassen.

So stellte die Europäische Kommission im Juni 2020 beispielsweise eine Strategie vor, um die Entwicklung, Herstellung und den Vertrieb von Impfstoffen gegen COVID-19 zu beschleunigen. Teil dieses Plans war es, den regulatorischen Rahmen anzupassen, um ihn flexibler zu gestalten und eine höhere Geschwindigkeit bei der Entwicklung zu ermöglichen.

Dadurch hat sich das Risikoprofil vieler Life-Sciences-Unternehmen verändert, die sich am Kampf gegen COVID-19 beteiligen. Und hier kommt Versicherung ins Spiel. Ein neues Lloyd's Syndikat wurde speziell dafür gegründet, Transporte von Impfstoffen in Schwellenländer zu versichern.

Die Impfstoffe müssen bei niedrigen Temperaturen gelagert und transportiert werden. Risikoexperten befassen sich mit dieser Herausforderung und auch mit den potenziellen Risiken, die mit einem Impfstoff verbunden sind, wie Nebenwirkungen oder Mutationen des Virus.

Während sich natürlich ein Großteil der Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen COVID-19 konzentriert, haben die Unternehmen parallel dazu viele andere wichtige Projekte, an denen sie vor diesem herausfordernden Hintergrund weiterarbeiten müssen.

Forschung & Entwicklung und klinische Studien

Klinische Studien sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Einführung von neuen Medikamenten. Laut einer Studie von McKinsey* wurden sie jedoch stark beeinträchtigt durch die Pandemie und die nachfolgenden Beschränkungen des Personen- und Warenverkehrs, die von vielen Regierungen eingeführt wurden, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen.

Dies betrifft sowohl Studien mit neuen Patienten, die sich noch in der Rekrutierungsphase befinden, als auch die Aufrechterhaltung von bestehenden klinischen Studien für solche Patienten, die bereits aktiv daran teilnehmen.

Laut McKinsey gaben etwa 50 % der befragten Life-Science-Unternehmen an, dass sie die Rekrutierung für die meisten ihrer klinischen Studien während der Pandemie pausiert haben. Geplante Studien müssen verschoben werden, aktive Studien werden länger dauern als ursprünglich vorgesehen.

Dies kann die Innovation bei neuen, nicht mit COVID-19 zusammenhängenden Behandlungen durchaus beeinträchtigen. Bei den so genannten "Orphan Drugs" – also Medikamenten zur Behandlung, Vorbeugung oder Diagnose von sehr seltenen Krankheiten – dauert die Entwicklungsphase von der Patentanmeldung bis zur Markteinführung typischerweise etwa 18 % länger als der Durchschnitt für ein neues Medikament.

Die Konzentration der Ressourcen auf die Bekämpfung von COVID-19 in Verbindung mit der weltweiten Konjunkturabschwächung und deren Auswirkungen bedeutet, dass ein großer Teil der Aufmerksamkeit von der Forschung und Innovation für neue Medikamente für diese selteneren Erkrankungen abgelenkt wurde, sagen Experten.

Unterbrechung der Lieferkette

Über alle Wirtschaftszweige hinweg wurden Lieferketten durch die Pandemie und ihre Auswirkungen unterbrochen. Bei medizinischen Geräten – im Allgemeinen Instrumente, Apparate und Maschinen, die zur Vorbeugung, Diagnose oder Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden – gab es erhebliche Engpässe.

Einige Unternehmen haben viel Energie und Ressourcen in die Entwicklung von Produkten und Geräten zur Bekämpfung von COVID-19 und der spezifischen Auswirkungen gesteckt; Unternehmen aus der Maschinenbaubranche oder Elektrotechnik haben ihr Know-how für die Entwicklung von Beatmungsgeräten eingesetzt, andere Unternehmen haben teils frei gewordene Produktionskapazitäten mit der Produktion von Atemschutzmasken ausgeglichen, um nur einige Beispiele zu nennen. Es war wichtig für sie, mit Risikoexperten zusammenzuarbeiten, um die potenziellen Änderungen ihrer Haftungsrisiken zu verstehen.

Ständiges Lernen

Der Kampf gegen COVID-19 ist ein epochales Unterfangen. Und die Life-Science-Unternehmen stehen vor noch nie dagewesenen Herausforderungen.

Risikoexperten der Versicherungen machen sich fortlaufend mit den neuen Fakten vertraut und analysieren das Geschehen, um gemeinsam mit ihren Kunden Lösungen für die Herausforderungen zu finden, die diese sich schnell entwickelnde Situation mit sich bringt.

So tragen wir gemeinsamen einen Teil zu den globalen Bemühungen bei, dieses Virus zu besiegen.

*McKinsey & Company, “COVID-19 implications for life sciences R&D: Recovery and the next normal”, Mai 2020, abgerufen am 11.02.2021.

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