Rückversicherung

Wie einige Unternehmen Captives nutzen, um ihr Geschäftsergebnis zu verbessern.

Von

Dr. Reiner Hoffman, Underwriting Lead Germany, Structured Risk Solutions & Alonso Tello, Head of Alternative Risk, Canada

Captives sind vorwiegend als unternehmenseigene (Rück-)Versicherungsgesellschaften größerer Unternehmen bekannt, die zur Absicherung von Risiken ihrer Mutter- und Tochtergesellschaften eingesetzt werden. Hierbei geht es im Allgemeinen um solche Risiken, die auf dem traditionellen Markt nur schwer oder nicht vollständig versichert werden können. Bislang dominierten Fortune-500-Unternehmen und große Geschäftskunden den Bereich der Captives.

Getrieben vom Wunsch der Unternehmen mehr Kontrolle über ihre Versicherungsprogramme zu erlangen hat sich die Captive-Nutzung in den letzten Jahren weiterentwickelt. Dieser Prozess wurde durch den aktuellen harten Marktzyklus weiter beschleunigt. Kleinere Unternehmen entdecken nun den Captive-Markt für sich, um einige ihrer schwer zu platzierenden Risiken selbst zu versichern. Diese Unternehmen lassen sich zunehmend auf das Konzept der Captives ein und können dabei über verschiedene Wege auf die hierdurch entstehenden Risikomanagement-Mechanismen zugreifen.

Ursprünglich im Besitz eines Unternehmens, gewinnen jetzt alternative Captive-Strukturen an Dynamik, die den Bedürfnissen eines breiteren Spektrums von Unternehmen entsprechen. Selbst für diejenigen, die nicht über so große Finanzressourcen verfügen, gibt es Möglichkeiten auf dem Captive-Markt. So genannte Protected Cell Captives (PCC), bei denen der Betreiber als Dienstleister das regulatorische Kapital, die Versicherungslizenzen sowie das Management des Tagesgeschäfts innehat und diese Infrastruktur Drittunternehmen in Form voneinander unabhängigen Zellen zur Verfügung stellt. Dies ermöglicht auch kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zu Captive Strukturen. Das Gleiche gilt für die Bündelung von Risiken nicht verbundener Unternehmen in einer Gruppen-Captive (eine einzige Captive-Einheit, in der die Beteiligten Unternehmen sowohl die Risiken als auch die Gewinne aus den Captive-Aktivitäten teilen).

Es wurde viel über die zentralen Vorteile von Captives geschrieben, die insbesondere im heutigen Versicherungsmarktzyklus und mit den aktuellen Ratenerhöhungen, branchenweit zum Tragen kommen. Es gibt darüber hinaus einige interessante alternative Möglichkeiten, wie Unternehmen Captives erfolgreich einsetzen können, um ihr Risikomanagement zu optimieren, auf zusätzliche Formen des Risikotransfers zuzugreifen oder sogar Wettbewerbsvorteile über das Angebot passgenauer Versicherungsprodukte zu generieren.

Anwendungsfall: Zugang zu Versicherungsdienstleistungen und Inkubator für neu auftretende Risiken

Eine Captive kann einem Unternehmen Zugang zu den Dienstleistungen gewähren, die häufig zusammen mit Policen angeboten werden, ohne dass es sein gesamtes Risiko auf den traditionellen Versicherungsmarkt übertragen muss. Ein Unternehmen, das beispielsweise eine Captive zur Absicherung seiner Cyberrisiken einsetzt, könnte von den Serviceleistungen vor und nach dem Eintritt von Schadenfällen profitieren, die ein Fronting-Partner anbietet, auch wenn es ansonsten keine Versicherungskapazität für seine Cyberrisiken erwerben möchte. Der Anbieter würde vom Unternehmen eine Fronting-Gebühr erhalten und im Gegenzug uneingeschränkten Zugang zu den Dienstleistungen gewähren.

Unternehmen erhalten so Zugang zu einer Vielzahl von Dienstleistungen, für die möglicherweise keine internen Ressourcen zur Verfügung stehen. Services, die im Vorfeld von Sicherheitsverletzungen helfen, Schwachstellen in den IT-Systemen eines Unternehmens zu identifizieren, oder die Einblicke in Best Practices bieten, können das Cyber-Risikoprofil stärken und potenzielle Verluste mindern. Und nach einem Vorfall kann das Fachwissen, das erforderlich ist, um die Sicherheitsverletzung ordnungsgemäß zu melden und zu beheben, von unschätzbarem Wert sein. Cyberangebote von Fronting-Carriern umfassen oft solche Leistungen.

Bei einigen der selteneren Deckungsoptionen oder bei neu auftretenden Risiken, die auf dem traditionellen Markt kaum erschwinglich transferiert werden können sind, kann eine Captive es einem Unternehmen auch ermöglichen, die versicherungstechnische Absicherung seiner Risiken zu „inkubieren“ und im Laufe der Zeit die Daten zu sammeln, die für eine Risikoplatzierung am Versicherungsmarkt erforderlich sind. Eine Captive-Beteiligung kann mehr Sicherheit hinsichtlich der Risiken für andere Versicherer bieten und dabei entweder Transferpreise senken oder Kapazitäten eröffnen, die sonst nicht verfügbar wären. Im Baugewerbe ist beispielsweise die vermehrte Verwendung von Holz ein wachsender Trend. Dieser Baustoff ist auf dem traditionellen Versicherungsmarkt allerdings nicht einfach zu versichern, trotz seiner Vorteile in Hinsicht auf Sicherheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit im Vergleich zu anderen Materialien. Anstatt die Deckung für diese Tätigkeiten möglicherweise separat zu platzieren oder als Eigentragung in der eigenen Bilanz zu belassen, kann ein Unternehmen seine Captive nutzen, um dieses Risiko selbst zu decken und dabei im Laufe der Zeit auch für den restlichen Markt versicherungstechnische Erfahrungen zu sammeln.

Die meisten Fronting Versicherer rückversichern die gezeichneten Risiken nicht vollständig bei Captive-Gesellschaften, sondern behalten einen Teil, beispielsweise 5% oder 10% in ihren eigenen Büchern. Die Daten, die dann zu diesen Risiken gesammelt werden, ermöglichen es ihnen, ein besseres Risikoverständnis zu entwickeln. In Folge der eigenen Beteiligung an den Risiken ergibt sich ein detaillierterer Einblick in die Erfahrungen des Unternehmens mit einem bestimmten Risiko oder einer bestimmten Deckungsart. Somit können die Underwriter auch individuelle Risiken mit größerer Sicherheit bewerten und die Preise für diese Risiken genauer festlegen.

Mit einer individuell kalkulierten Prämie, die das konkret übernommene Risiko passgenau widerspiegelt, kann das Unternehmen möglicherweise bessere Angebote auf dem Versicherungsmarkt finden.

Die Anziehungskraft von Captives

In der aktuellen Marktsituation sind, wie in jedem harten Markt, selbst Risiken mit guter Schadenerfahrung von Vertragssanierungen betroffen. Captives und andere Selbstbehaltsvehikel können den Unternehmen in solchen Phasen helfen, Prämienanstiege und strengere Deckungsbedingungen dadurch abzufedern, dass mit dem Versicherer höhere Selbstbehalte vereinbart werden, die diesem dann gegebenenfalls auch erlauben, einen breiteren Deckungsumfang anzubieten. Eine substanzielle Captive-Beteiligung erlaubt Unternehmen generell, einen größeren Einfluss auf ihre Versicherungskosten und -bedingungen ausüben.

Mit Captives können Unternehmen auf strukturierte Weise ihre Risiken bilanzperiodenübergreifend diversifizieren, Marktzyklen ausgleichen und potenziell sogar Erträge generieren, wenn ihre Schadenverläufe besser sind, als auf Basis eines versicherungstechnischen Referenzportfolios erwartet. Und selbst unter wettbewerbsintensiven Marktbedingungen kann eine Captive durch ein intelligentes Setup zusätzliche Stabilität in das eigene Risikoportfolio bringen, was Unternehmen dabei hilft, ihre Gesamtrisikoposition jederzeit effizient zu managen.

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