Rückversicherung

Von

Chief Underwriting Officer Property, Construction & Energy, APAC & Europe, bei AXA XL

Der europäische Sachversicherungsmarkt befindet sich momentan im Endspurt der Erneuerungsphase. Laurent Richème, Chief Underwriting Officer für Sach-, Technische- und Energieversicherungen für die Region ‘APAC & Europe‘ erörtert aktuelle Markttrends und wie sich die Funktion des Underwriters verändert.
Im Hinblick auf die aktuelle Erneuerungsphase in der europäischen Sachversicherung zeichnen sich mehrere Trends ab. Nach einer Reihe von durch Naturkatastrophen verursachten Schäden im Laufe des Jahres müssen die Käufer von Sachversicherungen aber grundsätzlich damit rechnen, dass das Marktumfeld vorerst schwierig bleiben wird.

Die Naturkatastrophen von 2021 – Überschwemmungen in Europa, Wirbelstürme und Frostereignisse in den USA, Wald- und Buschbrände, etc. – reihen sich in die lange Liste der jüngsten Großereignisse ein. Die Jahre 2017, 2018 und 2020 wurden dadurch für öffentliche und private Sachversicherer bzw. Rückversicherer zu den fünf teuersten Jahren der letzten zwei Jahrzehnte. Diese Schadenereignisse, gepaart mit Störungen und Unterbrechungen in den Lieferketten, sozialer Instabilität in verschiedenen Teilen der Welt und den niedrigen Zinssätzen auf den Finanzmärkten, haben für Sachversicherer zu einer höheren Rentabilitätsschwelle als am Ende des letzten harten Marktzyklus im Jahr 2004 geführt. 
Dies wird sich nicht nur auf die Höhe der zu zahlenden Prämien auswirken, sondern auch auf die Vertragsbedingungen und Konditionen von Sach- und Betriebsversicherungen, insbesondere für die am stärksten betroffenen Risiken wie Naturgefahren und Rückwirkungsschäden.

Von entscheidender Bedeutung sind in diesem Zusammenhang der Umfang und die Qualität der Daten, die die Kunden im Zusammenhang mit ihren Risiken zur Verfügung stellen können. Sie ermöglichen es den Underwritern, individuelle Lösungen zu entwickeln, welche die spezifischen Risiken besser widerspiegeln. 

Formulierungen und Zahlen

Insider der Versicherungsbranche stellen sich oft die Frage: Ist Underwriting nun eine Kunst oder eine Wissenschaft? Die Kompetenz, diese Daten zu verstehen und zu interpretieren, ist mit der zunehmenden Menge und Qualität der uns zur Verfügung stehenden Daten zu einer immer wichtigeren Komponente im Underwriting geworden.

Aber Underwriting ist nicht nur ein Zahlenspiel. Es geht auch um Versicherungsvertragsformulierungen. Underwriter müssen in der Lage sein, spezifische Wortlaute und Begriffe zu verstehen und zu analysieren. Sie müssen sicherstellen, dass die von den Policen abgedeckten Leistungen die individuellen Intentionen aller Parteien widerspiegeln.

Im Schadenfall ist für den Kunden, wie auch seinen Versicherer, der Wortlaut der Police und die Frage, was gedeckt ist und was nicht, von entscheidender Bedeutung. Die COVID-19-Krise hat dies allen Beteiligten vor Augen geführt.

Die Zukunft
Die zunehmende Nutzung von Daten verändert kurz- und mittelfristig die von Underwritern benötigten Kompetenzen sowie deren Arbeitsweise. Aber das ist nichts im Vergleich zu den Entwicklungen, die sich am Horizont abzeichnen.

Der zunehmende Einsatz von Technologien – wie zum Beispiel Satellitenbilder und „das Internet der Dinge“ – wird die Rolle des Underwriters weiter nachhaltig verändern. Diese Technologie wird den Underwritern in Zukunft viele administrative Aufgaben abnehmen und dadurch mehr Zeit und Raum für mehr wertschöpfende Aufgaben generieren. Underwriter müssen künftig in der Lage sein, die aus diesem technologischen Fortschritt gewonnenen Daten zu analysieren. Neben Analysekompetenz wird eine weitere Fähigkeit noch wichtiger werden: Sozial- und Kommunikationskompetenz, um die gewonnenen Erkenntnisse, Risikokriterien und Lösungsvorschläge den Kunden transparent und schlüssig zu vermitteln.

In Zukunft wird zudem eine noch detailliertere Risikoselektion möglich sein, da es neue Technologien erlauben, immer präzisere Standortdaten zu sammeln. Dies ist eine gute Nachricht für Kunden: das bedeutet nämlich, dass ihre Prämie noch enger mit ihrer eigenen Schadenerfahrung und ihrem spezifischen Risikoprofil verknüpft werden kann. Die Versicherer werden sich also bei der Prämienberechnung und der Zeichnung der Risiken weniger auf historische Schadenereignisse verlassen müssen. Die Underwriting-Spezialisten können stattdessen detailliertere Einblicke in die spezifischen Risikoprofile der Kunden gewinnen.

Dies wiederum wird es den Risikomanagern auf Kundenseite leichter machen, ihre Risikokosten innerhalb ihrer Organisation verständlich zu kommunizieren. Insbesondere in Bezug auf Gespräche mit der Geschäftsleitung und der Finanzabteilung zu Investitionen in das Risikomanagement und die Kosten des Risikotransfers werden neue Technologien also auch die Arbeit des Risk Managers erleichtern.

Ich bin seit vielen Jahren als Experte im Sachversicherungsbereich tätig und habe miterlebt, wie der Markt verschiedene Zyklen durchlief. Zuletzt habe ich technologische Fortschritte erlebt, die uns dazu bringen werden, unsere Underwriting-Kompetenzen weiter zu entwickeln. Wir stehen an der Schwelle zu großen Veränderungen. Die Rolle des Underwriters entwickelt sich weiter – und zwar zum Besseren. Wir werden wohl eine Verlagerung vom statischen zum dynamischen Underwriting erleben und ich freue mich auf die vor uns liegenden Herausforderungen dieses neuen Zeitalters für die Versicherungsbranche.  

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