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Rechenzentren („Data Centers“) haben sich in wenigen Jahren von einem Infrastrukturelement im Hintergrund zu einem zentralen Baustein der digitalen Wertschöpfung entwickelt und bilden zudem das digitale Rückgrat industrieller Produktion, von Lieferketten, Zahlungsströmen, Kundenkommunikation und KI-gestützten Anwendungen. Damit sind sie nicht nur Motor der digitalen Transformation, sondern auch ein Schlüsselelement des strategischen Risikomanagements sowie der Zukunfts- und Innovationsfähigkeit von Unternehmen.

Von

Country Manager Germany und Regional Manager Northern Europe

In ihrer im März 2026 veröffentlichten Rechenzentrumsstrategie spricht die Bundesregierung von Rechenzentren als „entscheidende physische Grundlage der digitalen Transformation einer Gesellschaft“ und als „wesentliche Voraussetzung für digitale Souveränität und Wirtschaftssicherheit in Deutschland und Europa“. Gleichzeitig formuliert sie den Anspruch, Deutschland zu einem der führenden und attraktiven Standorte für Rechenzentrumskapazitäten zu machen und die Anschlussleistung bis 2030 mindestens zu verdoppeln. Die Kapazitäten für KI-Anwendungen sollen sogar mindestens vervierfacht werden.

Damit verändert sich die Risikoperspektive. Rechenzentren sind keine reine digitale Infrastruktur, sondern ein zentrales Unternehmensrisiko. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob relevante Daten sicher gespeichert sind. Vielmehr geht es darum, ob ein Unternehmen handlungsfähig bleibt und ausreichend Rechenleistung zur Verfügung steht. Für Vorstände und Geschäftsleitungen ist das Thema somit keine technische Detailfrage mehr, sondern eine strategische Aufgabe. Sie müssen die Auswirkungen von Ausfällen entlang der Wertschöpfungskette verstehen und diese Erkenntnisse im Risikomanagement verankern. Dazu müssen Prävention, Resilienz und klare Verantwortlichkeiten systematisch im Unternehmen aufgebaut und gepflegt werden. Dabei hilft es, sich an den Leitprinzipien moderner Risikosteuerung zu orientieren: Risiken werden vorausschauend analysiert („Predict“), gezielt begrenzt („Prevent“) und im Ernstfall werden ihre Folgen abgefedert („Protect“).

Notwendigkeit der aktiven Gestaltung digitaler Infrastruktur

Ein Unternehmen handelt digital souverän, wenn es seine digitale Infrastruktur nicht nur nutzt, sondern aktiv die mit ihr verbundenen Risiken steuert. An diesem Punkt wird Zukunfts- und Innovationsfähigkeit zur Frage, wie gut es seine Infrastruktur tatsächlich selbst steuern kann.

Der „Digital Decade Short Country Report 2026 Germany“ der Europäischen Kommission zeigt, dass 89 Prozent der Befragten in Deutschland Investitionen in Infrastruktur und Dienste Vorrang geben würden, die in Europa entwickelt und kontrolliert werden. Zugleich sprechen sich 87 Prozent für eine Verringerung der Abhängigkeit von Technologien aus Drittstaaten aus. Vor dem Hintergrund von geopolitischen Spannungen, Handelskonflikten und internationalen Eingriffsmöglichkeiten in Infrastruktur ist diese Unabhängigkeit keine theoretische Größe, sondern eine zentrale Voraussetzung für verlässliche unternehmerische Handlungsfähigkeit. Gesetze wie der US Cloud Act können dazu führen, dass ausländische Behörden Einfluss auf global betriebene Cloud-Services nehmen – bis hin zu Einschränkungen oder Abschaltungen bestimmter Angebote.

Für Unternehmen bedeutet dies, die zentralen Einflussfaktoren bewusst zu gestalten und ihre Infrastruktur so aufzusetzen, dass sie auch gegenüber politischen Entscheidungen in anderen Ländern robust und steuerbar bleibt. Sie benötigen Transparenz darüber, auf welche Rechenzentren und Cloud-Plattformen sich kritische Geschäftsprozesse stützen, welches rechtliche Umfeld dabei gilt und wie stabil Energieversorgung und Netzinfrastruktur sind. Und sie brauchen belastbare Alternativen, wenn Standorte, Energie oder Anbieter nicht wie geplant verfügbar sind.

Vom Elektronikstandort zur kritischen Risikoakkumulation

Analog zu anderen zentralen Assets von Unternehmen bleiben physische Risiken wie Brand, Überschwemmungen und Naturkatastrophen für Rechenzentren sehr relevant. Im Unterschied zu klassischen Industrieanlagen kommen jedoch weitere, teils neue Risikofaktoren hinzu, darunter hochverdichtete IT-Hardware, vielfältige Netzanbindungen sowie komplexe Kühl- und Energieversorgungssysteme. Bereits eine Störung in einem dieser Bereiche kann ausreichen, um das Rechenzentrum teilweise oder vollständig außer Betrieb zu setzen – mit möglichen Folgewirkungen auf übergeordnete Cloud-Architekturen, in die es eingebunden ist.

Das Swiss Re Institute weist im Zusammenhang mit der rasant wachsenden Nutzung von Künstlicher Intelligenz darauf hin, dass moderne Rechenzentrumsinfrastrukturen teilweise schneller entstehen, als Risiken umfassend erforscht und passende Sicherheitsanforderungen festgelegt werden können. Rechenzentren wandeln sich somit von gering exponierten Elektronikstandorten zu komplexen, hoch energieintensiven Anlagen, die deutlich anspruchsvollere Schutzkonzepte erfordern. Neben dem laufenden Betrieb gelten auch die Bau- und Inbetriebnahmephasen als risikoreich, da hohe Investitionssummen und komplexe Technik die Wahrscheinlichkeit von Verzögerungen und Kostenüberschreitungen erhöhen.

Das Uptime Institute kommt in seiner „Annual Outage Analysis 2025“ zu dem Schluss, dass Ausfallprävention trotz aller technologischen Verbesserungen eine strategische Daueraufgabe bleibt. Die wachsende Komplexität moderner Architekturen macht deutlich, dass Redundanz allein nicht ausreicht. Abhängigkeiten, Umschaltpfade und Wiederanlaufpläne müssen realistisch geplant und regelmäßig getestet werden. Zudem erhöhen Rechenzentren mit eng gekoppelten Strom-, Kühl- und Steuerungssystemen die Gefahr von Kaskadeneffekten. Kleine Störungen können sich dort, wo mehrere Kunden Infrastruktur teilen und die Abhängigkeit von digitalen Steuerungs- und Überwachungssystemen steigt, schnell zu größeren Ausfällen entwickeln. Hinzu kommt, dass diese Systeme selbst Angriffsflächen für Cyberbedrohungen schaffen und technische sowie digitale Risiken sich dadurch gegenseitig verstärken können.

Für Industrieunternehmen ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Rechenzentren sind kein Randaspekt der Unternehmensorganisation, sondern Orte, an denen sich Sachwerte, digitale Abhängigkeiten und Betriebsrisiken kumulieren. Wer sein Risikoportfolio verstehen will, muss diese Akkumulation explizit betrachten – und zwar nicht nur aus technischer Sicht, sondern auch in Bezug auf die Standorte, die Energieversorgung, die Architektur und die vertraglichen Beziehungen zu Betreibern und Dienstleistern. Gerade wegen dieser Komplexität kann die Zusammenarbeit mit spezialisierten Versicherern wie AXA XL wertvoll sein. Diese bringen Erfahrung in der Bewertung, Modellierung und Absicherung dieser Risikoakkumulation ein und unterstützen Unternehmen dabei, Ausfallrisiken nicht nur zu finanzieren, sondern vor allem besser vorherzusehen und präventiv zu begrenzen.

Energieverfügbarkeit als Schlüsselrisiko

Für Rechenzentren ist Energie mehr als nur ein Kostenfaktor. Sie ist ein zentraler Aspekt der Verfügbarkeit und somit ein äußerst wichtiger Teil der Risikoakkumulation. KI-Anwendungen und datenintensive Prozesse treiben den Strombedarf weiter in die Höhe. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet in ihrem Basisszenario, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf rund 945 TWh verdoppelt und von 2024 bis 2030 um etwa 15 Prozent pro Jahr wächst – mehr als viermal so schnell wie der Stromverbrauch anderer Sektoren.

Wenn sich mehrere große Rechenzentren an denselben Netzknoten und dieselben Umspannwerke anbinden, wird die Energieverfügbarkeit besonders kritisch. Die Bundesregierung weist in ihrer Rechenzentrumsstrategie darauf hin, dass Cluster wie Frankfurt/Rhein-Main bei Stromnetzanschlüssen und Flächen zunehmend an Grenzen stoßen und neue Regionen mit passender Energie- und Standortplanung aufgebaut werden müssen.

Energieabhängigkeiten verschwinden also nicht, wenn Rechenzentrumsleistungen ausgelagert werden. Sie verschieben sich auf die Energie- und Netzinfrastruktur der gewählten Standorte – mit Konsequenzen für Lastmanagement, Priorisierungsregeln im Krisenfall, Notstromkonzepte, Kühlkapazitäten, Wartung und Ersatzteilversorgung. Viele Betreiber setzen deshalb auf sogenannte „Behind-the-Meter“-Lösungen, also die Energieerzeugung direkt für ein konkretes Rechenzentrum, etwa über eigene Kraftwerke, alternative Stromerzeugung oder große Batteriespeicher. Solche Modelle können die Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit stärken, verlagern aber zugleich mehr Verantwortung und Risiko für die Energieversorgung unmittelbar an den Rechenzentrumsstandort. Dort treffen digitale Infrastruktur und energiebezogene Infrastruktur zusammen und sollten im Risikomanagement als gemeinsame Exponierung betrachtet werden. Im Fokus sollte nicht nur der Datenstandort, sondern auch die Belastbarkeit von Strom- und Standortkonzepten einschließlich der technischen, betrieblichen und finanziellen Risiken stehen, die daraus entstehen.

Besonders deutlich wird diese gemeinsame Exponierung dort, wo mehrere solcher Standorte in wenigen Regionen gebündelt und an dieselben Netze und Versorgungsstrukturen angebunden sind.

Standortkonzentration und Naturgefahren

Wie die Bundesregierung in ihrer Rechenzentrumsstrategie betont, sind im Gebiet Frankfurt/Rhein-Main mehr als ein Drittel der nationalen Rechenzentrumskapazitäten verortet. Sie hebt ebenfalls hervor, dass mittelgroße und große Rechenzentren in strukturstarken Großstädten und Ballungsräumen überrepräsentiert sind. Wenn jedoch viele große Standorte in wenigen Regionen zusammenkommen und auf die gleiche Versorgungs- und Verkehrsinfrastruktur angewiesen sind, kann dies kritisch werden. In solchen Gebieten verdichten sich hohe Sachwerte und digitale Abhängigkeiten, etwa durch zentrale Cloud-Plattformen, Netzbetreiber und geschäftskritische Anwendungen, die dort betrieben werden. Aus Sicht des Risikomanagements ist es wichtig, diese Ballungen und ihre möglichen Folgen zu verstehen, Entwicklungen im Blick zu behalten und rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen.

In solchen konzentrierten Regionen spielen Naturereignisse eine besondere Rolle. Sie wirken häufig über Umwege: Ein Hochwasser, eine Sturmfront oder eine Hitzewelle muss nicht direkt das Rechenzentrum treffen, um kritisch zu werden. Oft genügt es, wenn die vorgelagerte Infrastruktur, wie beispielsweise die Stromversorgung, die Kühlwasserversorgung, die Straßen, die Telekommunikationsknoten oder die Personalverfügbarkeit, beeinträchtigt wird. Für Unternehmen ist daher weniger entscheidend, ob ein Rechenzentrum „auf einer Gefahrenkarte rot markiert“ ist, sondern vielmehr, wie robust die Umgebung ist, von der der Standort abhängig ist, und welche Engpässe im Umfeld im Ernstfall zum Problem werden können.

Abhängigkeiten in der digitalen Wertschöpfungskette

Neben Energieverfügbarkeit und Standortkonzentration ist auch die Struktur der digitalen Wertschöpfungskette von wesentlicher Bedeutung. Viele Unternehmen nutzen heute eine Kombination aus eigenen Rechenzentren, der Anmietung von Stellflächen für eigene IT-Hardware in Rechenzentren von Drittanbietern sowie Cloud-Plattformen und Software-as-a-Service-Diensten. Die Vielfalt der Anbieter wirkt auf den ersten Blick risikoreduzierend. In der Realität entstehen jedoch häufig verdeckte Konzentrationen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn mehrere geschäftskritische Anwendungen in derselben Cloud-Region betrieben werden oder verschiedene Dienstleister auf denselben Identitäts-, Netzwerk- oder Rechenzentrumsanbieter zugreifen. Zudem können geopolitische Spannungen, Sanktionen oder regulatorische Eingriffe dazu führen, dass internationale Anbieter kurzfristig nicht mehr wie geplant verfügbar sind oder zusätzliche Risiken im Bereich Datenschutz und Cybersicherheit entstehen.

Entscheidend ist daher nicht, wie viele Anbieter ein Unternehmen nutzt, sondern wie unabhängig diese Anbieter tatsächlich voneinander sind. Problematisch wird es entsprechend dort, wo der Ausfall eines Rechenzentrums, einer Cloud-Region oder eines zentralen Dienstes mehrere Geschäftsbereiche gleichzeitig treffen kann und es keine erprobten Alternativen gibt.

Was jetzt auf die Agenda gehört

Digitale Souveränität und Risikoakkumulation rund um Rechenzentren sind keine nachgeordneten Spezialthemen, sondern strategische Fragen für die Unternehmensführung und das Risikomanagement. Aus meiner Sicht hat sich ein Vorgehen in drei Schritten bewährt.

Zunächst sollte geklärt werden, welche Prozesse im Störfall je nach Branche und regulatorischen Anforderungen innerhalb von wenigen Stunden, oder gar nur Minuten oder Sekunden – wie beispielsweise im Finanz- und Gesundheitssektor – wieder laufen müssen und welche warten können. Darauf aufbauend geht es darum, Abhängigkeiten sichtbar zu machen. Welche Rechenzentren, Cloud-Plattformen und Dienste tragen diese Prozesse und wo entstehen Konzentrationen oder kritische Einzelabhängigkeiten, beispielsweise bei Standorten, der Energieversorgung, Cloud-Regionen, Identitätsdiensten oder zentralen Betreibern? Auf dieser Basis lassen sich Prioritäten für technische und organisatorische Maßnahmen ableiten.

Schließlich sollten realistische Ausfallszenarien durchgespielt, Wiederanlaufpfade festgelegt und regelmäßig getestet werden. Zudem sollte eine tragfähige Kombination aus technischer Resilienz, organisatorischer Vorsorge und Risikotransfer gefunden werden.

Fazit

Rechenzentren werden heute als Teil der nationalen kritischen Infrastruktur gesehen und stellen die physische Grundlage digitaler Souveränität dar. Sie bündeln Werte, Energiebedarf, Datenströme und geschäftskritische Anwendungen – und damit auch Risiken. Souverän handelt ein Unternehmen, wenn es diese Akkumulation kennt, bewusst gestaltet und nicht erst im Störfall die bestehenden Abhängigkeiten analysiert.

Moderne Risikosteuerung folgt dabei Leitprinzipien wie „Predict–Prevent–Protect“: Risiken werden vorausschauend analysiert (Predict), Wechselwirkungen und Kumulationen frühzeitig sichtbar gemacht und gezielt begrenzt (Prevent), und im Ernstfall werden finanzielle Folgen und Betriebsunterbrechungen abgefedert (Protect). Die Zusammenarbeit mit spezialisierten Versicherern wie AXA XL und ihren Risk-Consulting-Teams kann Unternehmen in allen drei Dimensionen unterstützen – von der Daten- und Modellbasis über die Entwicklung wirksamer Präventionsstrategien bis hin zur passenden Absicherung.

Wer die Aspekte Standort, Energie, Naturgefahren, digitale Wertschöpfungsketten, Cyberrisiken und Versicherbarkeit zusammen denkt, erhöht seine Widerstandsfähigkeit. So schafft er die Grundlage dafür, dass Handlungsfähigkeit und digitale Souveränität auch dann erhalten bleiben, wenn die zentrale Infrastruktur unter Druck gerät.

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