Wandel gestalten – Lehren aus drei Jahrzehnten in der Transportversicherung
4. September 2026
Von Anne Marie Elder
Global Chief Underwriting Officer – Marine
Mehr als 30 Jahre in der Transportversicherung haben mich eines gelehrt: Der Umgang mit Unwägbarkeiten gehört zum Kerngeschäft. Wetterbedingungen und Schifffahrtsrouten verändern sich, und eine Entscheidung an einem Ort auf der Welt kann eine Lieferkette Tausende von Kilometern entfernt empfindlich stören.
Diese Erfahrung hat eine wichtige Erkenntnis geprägt: Risiken und Unwägbarkeiten lassen sich nicht vollständig ausschalten, aber sie lassen sich gut genug verstehen, um Kunden fundierte Entscheidungen zu ermöglichen. Genau hier liegt die besondere Stärke im Bereich Specialty. Kapazität allein reicht nicht aus. Kunden brauchen auch technisches Know-how, klare Einschätzungen und einen Partner, auf den sie langfristig zählen können.
Dieser Bedarf zeigt sich gleichermaßen bei der Absicherung von Risiken in der Transport- und Luftfahrtversicherung, im Bereich politischer Risiken sowie in anderen Spezialsparten. Geopolitische Verschiebungen, neue Energiequellen, Cyberbedrohungen, technologische Innovationen und Lieferkettenunterbrechungen greifen immer stärker ineinander. Die Welt denkt nicht in Schubladen, und die Versicherungswirtschaft kann es sich ebenfalls nicht leisten. Drei Jahrzehnte in der Transportversicherung haben mir gezeigt, wie unsere Branche Kunden dabei helfen kann, durch diese Komplexität zu navigieren.
Eine maritime Perspektive
Mein Weg in die Versicherungsbranche begann mit einer lebenslangen Leidenschaft für das Meer. Ich folgte meinem Onkel und meinem Cousin an die United States Merchant Marine Academy, wo ich mein Merchant Mariner Credential (staatlich anerkannter Befähigungsnachweis für Seeleute in den USA) erwarb und als Marineoffizierin in den Dienst trat. Diese Ausbildung gab mir einen unmittelbaren Einblick in eine Branche, die im Zentrum des Welthandels steht.
In die Versicherungswirtschaft wechselte ich, weil ich Unternehmen dabei helfen wollte, die Risiken zu managen, die mit dem Betrieb in diesem Umfeld verbunden sind. Jede weitere Station hat mein Verständnis von Risiko, Führung und Menschen vertieft. Eines jedoch ist konstant geblieben: Kunden brauchen ihren Versicherer nicht erst dann, wenn etwas schiefläuft. Sie brauchen einen Partner, der ihr Geschäft versteht und ihnen hilft, sich auf das vorzubereiten, was als Nächstes kommen könnte.
Expertise verwandelt Unwägbarkeiten in Zuversicht
Risiken sind nie statisch. Die Schifffahrt befindet sich erneut in einem tiefgreifenden Wandel: Die Branche erprobt neue Energiequellen, Schiffsdesigns und Betriebsmodelle. Bevor neue Technologien in großem Maßstab eingesetzt werden können, müssen alle Beteiligten verstehen, wie sie funktionieren, wie sie finanziert werden und wie ihre Risiken versicherbar sind.
Das erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Underwritern, Risk Consultants und Kunden – und zwar von Beginn an. Gemeinsam müssen wir analysieren, wie Schiffe konzipiert, gebaut und betrieben werden, Gefahrenquellen identifizieren und Risiken dort reduzieren, wo es möglich ist. Der Versicherung kommen dabei zwei Aufgaben zu: Investitionsvertrauen zu schaffen und dazu beizutragen, dass neue Technologien sicher zur Marktreife gelangen.
Ein konkretes Beispiel ist unsere Beteiligung am Bau des weltweit ersten kommerziellen segelunterstützten Frachtschiffs. Es handelt sich um ein Hybridschiff mit leistungsstarkem windgestütztem Antrieb, der den Treibstoffverbrauch erheblich senkt und damit einen Beitrag zur Dekarbonisierung der Schifffahrt leistet.
Gemeinsam mit dem Unternehmen und weiteren Branchenpartnern haben wir eine bislang einzigartige Lösung entwickelt, die eine Schiffskaskoversicherung mit einer Kreditabsicherung kombiniert, um die Finanzierung weiterer Schiffe zu ermöglichen. Das Projekt zeigt, wie maritime und kreditwirtschaftliche Expertise Investoren helfen kann, eine noch unbekannte Technologie einzuschätzen, und Versicherern gleichzeitig die Möglichkeit gibt, frühzeitig zu verstehen, wie neue Schiffe gebaut und betrieben werden.
Unsere Mitarbeit in der Nuclear Energy Maritime Organization (NEMO) folgt demselben Gedanken. Fortschrittliche Nukleartechnologien könnten künftig eine weitere Option bieten, um den Langstreckenseeverkehr emissionsärmer zu betreiben. Gleichzeitig werfen sie schwierige Fragen zu Sicherheit, Regulierung, Betrieb und Haftung auf. Die Zusammenarbeit mit Experten aus der Schifffahrt und der Nuklearbranche hilft uns, diese Risiken besser zu verstehen, versicherungsfachliches Know-how einzubringen und an den regulatorischen Rahmenbedingungen mitzuwirken, die für künftige Anwendungen unabdingbar sein werden.
Drei Jahrzehnte in der Transportversicherung haben eine zentrale Lektion hinterlassen: Wir können nicht genau wissen, was die nächste Transformation bringen wird. Aber wenn wir neugierig bleiben, zusammenarbeiten und Resilienz aufbauen, können wir unseren Kunden helfen, den Wandel aktiv zu gestalten und zuversichtlich voranzugehen.
Resilienz als Wettbewerbsvorteil
Nicht jede Störung lässt sich vorhersehen. Die COVID-19-Pandemie, geopolitische Konflikte und veränderte Handelsrouten haben gezeigt, dass Effizienz allein nicht ausreicht. Unternehmen müssen auch dann handlungsfähig bleiben, wenn sich Annahmen, Routen oder Technologien grundlegend verändern.
Deshalb ist Resilienz aus meiner Sicht ein echter Wettbewerbsvorteil und keine bloße Compliance-Übung. Unternehmen, die ihre Schwachstellen kennen, Alternativen erproben und sich auf Störungen vorbereiten, sind besser in der Lage, ihren Betrieb zu schützen und schnell zu reagieren, wenn sich die Rahmenbedingungen verschieben.
Versicherer können dabei Mehrwert über den reinen Risikotransfer hinaus bieten. Risikoberatung, Datenanalyse und spezialisiertes Underwriting können Kunden aufzeigen, wo sie verwundbar sind, wie sich Szenarien entwickeln könnten und welche Maßnahmen sie ergreifen können. Wer diese Expertise frühzeitig in ein Projekt einbringt, kann Designentscheidungen beeinflussen, Schutzmaßnahmen stärken und allen Beteiligten ein klareres Bild der tatsächlichen Risikoexposition verschaffen.
Neugier und Zusammenarbeit als Motor des Fortschritts
Da sich Risiken laufend verändern, müssen Führungskräfte und ihre Teams neugierig bleiben. Zu Beginn meiner Karriere glaubte ich, eine Führungskraft müsse auf alle Fragen eine Antwort haben. Die Erfahrung hat mich eines Besseren belehrt. Starke Führungspersönlichkeiten schaffen ein Umfeld, in dem Menschen schwierige Fragen stellen, ihr Wissen teilen und gemeinsam Lösungen finden können.
Auch heute lerne ich noch täglich dazu, unter anderem durch Reverse Mentoring und im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Generationen, Fachrichtungen und Märkten. In einer sich schnell wandelnden Branche brauchen wir die Bereitschaft, Annahmen zu hinterfragen und zu erkennen, wenn ein vertrauter Ansatz nicht mehr trägt.
Diese Haltung ist auch im Underwriting entscheidend. Keine einzelne Disziplin kann vollständig die technologischen, operativen, geopolitischen und finanziellen Risiken erfassen, die den Welthandel prägen. Aus meiner Sicht entstehen bessere Entscheidungen, wenn wir unterschiedliche Erfahrungen zusammenbringen und offen bleiben für das, was wir noch nicht wissen.
Authentizität spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Ich spreche offen darüber, eine lesbische Frau zu sein, denn niemand sollte sich verstecken müssen, um erfolgreich zu sein. Wenn Kolleginnen und Kollegen ihre ganze Persönlichkeit in die Arbeit einbringen können, sind Teams besser in der Lage, etabliertes Denken zu hinterfragen, Kunden wirklich zu verstehen und komplexe Problemstellungen zu lösen.
Die Förderung der nächsten Generation ist für mich sowohl eine unternehmerische Priorität als auch ein persönliches Anliegen. Ich möchte, dass talentierte Kolleginnen und Kollegen, insbesondere aus unterrepräsentierten Gruppen, einen klaren Weg in Führungspositionen sehen und ihn mit Zuversicht gehen. Unsere Branche wird ihre Ideen und ihre Expertise in den kommenden Jahren dringend brauchen.
Fortschritt ermöglichen
Die maritime Industrie hat sich stets neu erfunden. Die Containerisierung revolutionierte den Welthandel in den 1950er-Jahren. Heute gestalten neue Kraftstoffe, digitale Technologien, künstliche Intelligenz und veränderte Lieferketten den Sektor erneut grundlegend um. Den einen richtigen Weg wird es dabei nicht geben.
Unser gemeinsam mit Reuters Events erstellter Bericht „Freight in a Low-Carbon Economy: Managing the Risks“ verdeutlicht das Ausmaß dieser Herausforderung. Mehr als 80 Prozent der weltweiten Güter werden auf dem Seeweg transportiert, doch die Schifffahrt ist nach wie vor stark von Schweröl abhängig. Alternativen wie Ammoniak und Wasserstoff bringen technische, sicherheitstechnische und infrastrukturelle Herausforderungen mit sich, und keine einzige Lösung ist bislang bereit für einen branchenweiten Einsatz. Deshalb müssen wir Risiken über den gesamten Lebenszyklus eines Assets betrachten und Versicherer sollten frühzeitig eingebunden werden, wenn neue Technologien, Infrastrukturen und Betriebsmodelle entstehen.
Stillstand ist keine Option. Innovation braucht Investitionen, und Investoren müssen verstehen, wie sich Risiken kalkulieren und steuern lassen. Versicherungen im Specialty-Bereich bündeln Kapazität, Expertise und Partnerschaft, um die Handlungsfähigkeit der Kunden bestmöglich zu unterstützen.
Drei Jahrzehnte in der Transportversicherung haben eine zentrale Lektion hinterlassen: Wir können nicht genau wissen, was die nächste Transformation bringen wird. Aber wenn wir neugierig bleiben, zusammenarbeiten und Resilienz aufbauen, können wir unseren Kunden helfen, den Wandel aktiv zu gestalten und zuversichtlich voranzugehen.
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