Rückversicherung
Entdecken Sie unser Angebot für mittelständische Unternehmen
Entdecken Sie unser Angebot für mittelständische Unternehmen
Ressourcen & Tools
Xavier Veyrey

Von

CEO, APAC & Europe

Versicherungen werden selten hinsichtlich ihres Wertschöpfungsbeitrags beachtet. Sie rücken erst dann in den Fokus, wenn Prämien steigen, die Kapazitäten knapper werden oder Schadenfälle strittig sind. Dies sind zwar berechtigte Debatten, doch sie lenken die Aufmerksamkeit auf Kosten und Versicherungsschutz, nachdem Unsicherheiten bereits eingetreten sind, anstatt auf die Rolle, die Versicherungen spielen können, bevor Vorstände Kapital für eine wichtige Entscheidung bereitstellen. Mit anderen Worten: Die Frage, die wir stellen, müsste anders lauten. Anstatt nur nach den Kosten von Versicherungen zu fragen, sollten sich Vorstände fragen, welche Investitionen dadurch erst ermöglicht werden können. Risikomanager wiederum sollten in der Lage sein, aufzuzeigen, wie Risikoerkenntnisse, Risikominderung und Risikotransfer diese Entscheidungen unterstützen können.

Die versteckten Kosten der Unsicherheit

Da Waldbrände in Südeuropa zu einer wiederkehrenden Bedrohung und weiter nördlich zu einer zunehmenden Gefahr werden, richtet sich die Aufmerksamkeit verständlicherweise auf ihre menschlichen und wirtschaftlichen Folgen. Die Auswirkungen reichen jedoch über die direkt beschädigten Vermögenswerte hinaus. Ein erhöhtes Risiko kann künftige Investitionsentscheidungen erschweren: Vorstände stellen die Bereitstellung von Kapital in Frage, Kreditgeber überprüfen ihre Finanzierungsbedingungen, und wichtige Projekte werden möglicherweise verschoben, bis das Risiko besser verstanden und gesteuert werden kann. Unerwartete Ereignisse können bestehende Vermögenswerte zerstören; Unsicherheit über deren Wahrscheinlichkeit und Auswirkungen kann die Entscheidungen verzögern, die für den Aufbau neuer Vermögenswerte erforderlich sind. Diese Verzögerung schlägt sich selten als Verlust in der Bilanz nieder. Ihre Auswirkungen zeigen sich in der Fabrik, dem Energieprojekt oder der Infrastrukturinvestition, die in diesem Jahr nicht realisiert wird, sowie in dem damit aufgeschobenen Wachstum, verschlechterter Resilienz und dem verlorenen Wettbewerbsvorteil. Das zugrunde liegende Risiko ist bereits erheblich. Die Europäische Umweltagentur schätzt, dass wetter- und klimabedingte Extremereignisse zwischen 1980 und 2023 in der gesamten EU wirtschaftliche Verluste in Höhe von 738 Milliarden Euro verursacht haben. Mehr als ein Fünftel dieser Verluste entstand allein in den letzten drei Jahren, und in den meisten europäischen Ländern bleibt mehr als die Hälfte davon unversichert. Kapital scheut nicht immer die Unsicherheit. Manchmal wartet es einfach ab.

Die Vertrauenslücke schließen

In Europa wird häufig über eine Schutzlücke gesprochen: die Differenz zwischen den tatsächlich entstehenden Schäden und den versicherten Schäden. Dies ist ein reales und wichtiges Problem. Doch dahinter sehe ich eine zweite, weniger offensichtliche Herausforderung: die Vertrauenslücke, also die Kluft zwischen einer Investition, die strategisch attraktiv erscheint, und dem Maß an Vertrauen, das ein Vorstand benötigt, um Kapital bereitzustellen. Dies ist umso wichtiger, als Europa bestrebt ist, seine Kompetenzen in den Bereichen Halbleiter, saubere Energie, digitale Infrastruktur und Verteidigung zu stärken. Jedes dieser Ziele erfordert Kapital, doch Unsicherheit kann Investitionen verzögern oder dazu führen, dass sie anderweitig getätigt werden.

Das Kapital mag zwar verfügbar sein, die Technologie bewährt und das Projekt bereit zur Umsetzung. Was dennoch fehlen kann, ist die ausreichende Gewissheit, dass die der Entscheidung zugrunde liegenden Annahmen fundiert sind: dass physische und betriebliche Risiken erfasst sind, die Finanzierung tragfähig bleibt und Störungen die erwartete Rendite nicht untergraben. Ohne diese Gewissheit kann sich eine Investition verzögern, im Umfang reduziert oder anderweitig gelenkt werden; die Folge können höhere Kapitalkosten, eingeschränkte strategische Optionen sowie eine geringere Widerstandsfähigkeit, ein schwächeres Wachstum und eine geringere Wettbewerbsfähigkeit Europas sein.

Unterstützung von Kapitalentscheidungen durch Risikomanagement

Aus diesem Grund sollte eine Erweiterung des Blickwinkels mehr bedeuten als nur die Identifizierung weiterer Risiken. Sie sollte vielmehr das Verständnis dafür beinhalten, wie Unsicherheit die Kapitalallokation überhaupt erst prägt. Vorstände sehen sich nicht nacheinander mit klimatischen, geopolitischen, technologischen, regulatorischen und Lieferkettenrisiken konfrontiert, die sauber in die Tagesordnungen von Ausschüssen unterteilt sind. Diese Risiken laufen in einer einzigen Frage zusammen, die hinter jeder wichtigen Entscheidung steht: Ist dies nach wie vor eine solide strategische Entscheidung? Sie als isolierte Risikokategorien zu behandeln, war schon immer eine zu stark vereinfachte Sichtweise. Heute kann diese Vereinfachung zu weniger fundierten Kapitalentscheidungen führen. Dies verleiht Risikomanagern eine umfassendere strategische Rolle. Indem sie Risikoerkenntnisse, Risikominderung und Risikotransfer miteinander verbinden, können sie Vorständen dabei helfen, zwischen der Unsicherheit zu unterscheiden, die ein Unternehmen reduzieren, übertragen oder selbst tragen kann, und zu verstehen, was dies für eine bedeutende Investition bedeutet. Ihr Beitrag besteht nicht lediglich darin, die Bilanz zu schützen, nachdem eine Entscheidung getroffen wurde, sondern dabei zu helfen, die Rahmenbedingungen zu gestalten, unter denen Kapital mit Zuversicht gebunden werden kann.

Risiken in entscheidungsrelevante Informationen übersetzen

Man sagt oft, dass Versicherer Risiken bepreisen. Unsere Aufgabe besteht darin, spezifische Risiken zu verstehen und deren potenzielle finanzielle Folgen in Informationen zu übersetzen, die Vorstände, Kreditgeber und Investoren für ihre Entscheidungen nutzen können. Versicherungen beseitigen keine Unsicherheit. Doch durch effektive Risikoanalysen, Risikominderung und Risikotransfer lassen sich die potenziellen Folgen klarer darstellen, leichter bewerten und besser bewältigen. Die Finanzmärkte spiegeln diese Risikounterschiede bereits wider. In der Umfrage der Europäischen Zentralbank zur Kreditvergabe berichteten Banken von günstigeren Kreditbedingungen für Unternehmen mit besserer Klimabilanz und strengeren Konditionen für emissionsintensive Unternehmen, die bei der Energiewende kaum oder gar keine Fortschritte erzielen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Art und Weise, wie ein Unternehmen klimabezogene Risiken handhabt, zunehmend Einfluss auf seine Finanzierungsbedingungen haben könnte. Das gleiche Prinzip gilt auch über den Klimabereich hinaus. Ein Hersteller, der eine stärker vernetzte, automatisierte Produktionslinie in Betracht zieht, muss die Produktivitätsgewinne beispielsweise unter anderem gegen ein erhöhtes Risiko durch Cyberangriffe abwägen. Frühzeitige Risikoeinschätzung, Risikominderung und Risikotransfer können dem Vorstand und seinen Finanzierungspartnern größere Sicherheit geben, dass die Investition zu tragfähigen Konditionen durchgeführt werden kann. Ob ein Offshore-Windpark eine Finanzierung erhält, eine Halbleiterfabrik die Genehmigung erhält oder ein Rechenzentrum realisiert wird – Versicherungen stehen selten im Vordergrund; sie können jedoch einer der Faktoren sein, die den Entscheidungsträgern ausreichende Sicherheit geben, um voranzuschreiten. Das schmälert die Bedeutung von Versicherungen nicht. Es definiert vielmehr ihren Wert genauer.

Investieren trotz Unsicherheit

Europa wird nicht dadurch wettbewerbsfähiger, dass die Unsicherheit verschwindet. Es wird wettbewerbsfähiger, indem es trotz dieser Unsicherheit investiert. Die Branchen, denen die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Europas zu verdanken sein wird, erfordern alle langfristige Kapitalbindungen angesichts bestehender Unsicherheit. Wie effektiv Europa mit dieser Unsicherheit umgeht, wird mitentscheiden, ob es diese Fähigkeiten im eigenen Land aufbaut oder Boden an andere verliert. Dies erfordert Technologie, Führungsstärke, bessere Daten und ein besseres Risikomanagement. Vor allem erfordert es eine frühzeitige Zusammenarbeit. Vorstände sollten Risikomanager einbeziehen, solange große Investitionen noch in der Planungsphase sind. Risikomanager sollten ihren Beitrag nicht nur im Hinblick auf Schutz, sondern auch in Bezug auf Kapital, Chancen und strategische Entscheidungen gestalten. Auch Versicherer sollten sich bereits einbringen, bevor Projekte vollständig konzipiert und auf den Markt gebracht werden – zu einem Zeitpunkt, an dem Risikoerkenntnisse, Risikominderung und Risikotransfer den größten Einfluss darauf haben können, ob diese Projekte umgesetzt werden. Die Chance besteht nicht nur darin, die Investitionen von morgen zu versichern, sondern dazu beizutragen, die Voraussetzungen zu schaffen, unter denen diese Investitionen überhaupt getätigt werden können. Oft wird die Frage gestellt, was eine Versicherung kostet. Es ist an der Zeit, dass wir uns auch fragen, was durch ihre Existenz erst möglich wird.

Bitte füllen Sie das folgende Formular aus, um den Autor dieses Artikels zu kontaktieren.

Vorname ist ein Pflichtfeld
Familienname ist ein Pflichtfeld
Länderauswahl
Ungültige E-Mail-Adresse E-Mail ist ein Pflichtfeld
 
Invalid Captcha
Newsletter
Fast Fast Forward abonnieren