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Gilles Moëc, Chefökonom der AXA-Gruppe, und Xavier Veyry, CEO für die Region APAC & Europe bei AXA XL

Die Krise im Nahen Osten hat sich unmittelbar auf die Energiepreise ausgewirkt und einige regionale Spaltungen und Volatilitäten verschärft. Mit Blick auf die mittelfristige Entwicklung erörtern Gilles Moëc, Chefökonom der AXA-Gruppe, und Xavier Veyry, CEO für die Region APAC & Europe bei AXA XL, die möglichen Auswirkungen des Konflikts auf die Finanzmärkte und das Geschäftsklima sowie die Rolle, die strategische Risikomodellierung beim Aufbau von Widerstandsfähigkeit spielen wird.

Xavier Veyry: Der aktuelle Konflikt im Nahen Osten ist das jüngste Beispiel für eine tiefgreifende Umgestaltung der gesamtwirtschaftlichen und geopolitischen Landschaft – sowohl im Hinblick auf den künftigen Energiemix als auch in Bezug auf Souveränität und Handelsallianzen. Die Zukunft vorherzusagen, ist heute schwieriger denn je. Umso wichtiger ist es, dass wir agil und flexibel reagieren, um den sich wandelnden Bedürfnissen unserer Kunden gerecht zu werden, wenn sie sich auf die Zukunft vorbereiten. Daten und strategische Risikomodellierung werden dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Über unsere verschiedenen Versicherungssparten hinweg wird Innovation zunehmend durch die Notwendigkeit getrieben, vernetzte Risiken besser vorherzusehen und zu steuern. Das gilt von politischen Risiken über Transport- bzw. Seeversicherung bis hin zu internationalen Versicherungsprogrammen. Dazu gehören fortgeschrittene Risikomodelle, die Echtzeitüberwachung von Risiken sowie integrierte Lösungen, die Versicherungsschutz und Risk-Consulting verbinden. So erhalten Kunden einen besseren Überblick über hochdynamische Risikolagen. 

Doch angesichts der anhaltenden Krise im Nahen Osten stellt sich die Frage, welche ökonomischen Auswirkungen bereits erkennbar sind und worauf wir und unsere Kunden in der Region Asien-Pazifik und in Europa in den nächsten Jahren besonders achten sollten.

Gilles Moëc: Im Mittelpunkt steht die Inflation. Wir sehen nicht nur einen Preisschock bei Energie, sondern auch bei zahlreichen Rohstoffen – etwa bei Helium, das für die Produktion von Halbleiterchips essenziell ist, oder bei Düngemitteln, deren Verteuerung zeitversetzt auf die Nahrungsmittelpreise durchschlägt. Entspannen sich die Energiepreise bis Ende des zweiten Quartals 2026, dürfte sich die Krise insgesamt als beherrschbar erweisen. Entscheidend ist die Dauer des Preisschocks. Wahrscheinlich wird das BIP‑Wachstum um einige Zehntelprozentpunkte niedriger ausfallen. Bleiben die Preise für Energie und Rohstoffe jedoch über das Ende des zweiten Quartals hinaus hoch, könnte sich die Lage deutlich verschärfen.

Die Reaktion der Aktienmärkte auf die aktuelle geopolitische Krise ist bislang verhalten. Am Anleihemarkt fallen die Auswirkungen deutlicher aus, was angesichts eines Preisschocks nachvollziehbar ist. Vor Beginn des Konflikts hatten die Finanzmärkte bis zum Jahresende zwei Zinssenkungen der US‑Notenbank Fed eingepreist; inzwischen rechnen sie mit keiner einzigen mehr. Für die Europäische Zentralbank, von der viele zunächst eine Zinspause erwartet hatten, werden nun zwei Zinserhöhungen erwartet. Das Ausbleiben von Zinssenkungen in den USA wirkt sich erfahrungsgemäß negativ auf viele Schwellenländer aus – insbesondere auf solche, die besonders sensibel auf Nahrungsmittel- und Energiepreisschocks reagieren, ohne selbst Produzenten zu sein. Die dortige Inflation dürfte das Wachstum entsprechend bremsen.

Xavier Veyry: Unsere Kunden spüren die unmittelbaren Folgen der Krise in Form höherer Energiepreise und gestörter Lieferketten. In der Transportversicherung wirken sich geopolitische Spannungen beispielsweise direkt auf die Versicherbarkeit zentraler Handelsrouten aus. Als langjähriger Partner der Schifffahrtsbranche ist es unsere Aufgabe, für Stabilität zu sorgen und dazu beizutragen, dass Handelsströme auch in einem unsicheren Umfeld möglichst aufrechterhalten werden. Dazu müssen Mechanismen eingesetzt werden, die sich an sich verschärfende Spannungen anpassen können, den Versicherungsschutz bei Veränderungen des Risikoumfelds anpassen und letztlich Schiffseigner nicht nur gegen traditionelle Navigationsrisiken, sondern auch gegen kriegsbedingte Risiken absichern.
Mit Blick auf die mittelfristige Zukunft sind wir uns sehr bewusst, dass sich – wie beschrieben – die Auswirkungen der aktuellen geopolitischen Krise regional sehr unterschiedlich und in unterschiedlichem Tempo zeigen. Für uns als Risikopartner bedeutet dies, dass wir besonders agil und flexibel agieren müssen.

Gilles, ist zu erwarten, dass diese regionale Fragmentierung Auswirkungen darauf haben wird, wie lokale Volkswirtschaften funktionieren und miteinander Handel treiben?

Gilles Moëc: Ein Teil der angesprochenen Umwälzungen zeigt sich in einer Fragmentierung von Blöcken, die zuvor deutlich geschlossener aufgetreten sind. Es ist bemerkenswert, welches Maß an Geschlossenheit Europa in der Reaktion auf die aktuelle Krise zeigt – insbesondere im Vergleich zur Reaktion auf den Zweiten Golfkrieg. Im nordamerikanischen Handelsblock hingegen entwickeln sich die Dinge heterogener: Kanada intensiviert seine Handelsbeziehungen zu China, während Mexiko sich gleichzeitig in Zollstreitigkeiten mit Peking befindet. Zwei Volkswirtschaften innerhalb desselben Handelsbündnisses agieren hier sehr unterschiedlich.
Diese Fragmentierung trifft bislang vor allem den Handel mit Gütern, nicht jedoch den mit Dienstleistungen. Sollte die Neuordnung der Blöcke allerdings auch den internationalen Dienstleistungshandel erfassen, könnten sich erhebliche zusätzliche Herausforderungen ergeben.

Es lohnt sich auch, einen Blick zurück auf die vorangegangene, durchaus ungewöhnliche Phase der Handelskonflikte zwischen den USA und Europa zu werfen. Die Finanzmärkte haben darauf insgesamt relativ gelassen reagiert – nicht zuletzt, weil diese Spannungen zeitlich mit dem Aufschwung der KI‑Technologie zusammenfielen und von diesem Boom teilweise überlagert wurden.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, wie einige Regionen in den vergangenen Jahren ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen Schocks verbessert haben. In Europa erleben wir nun zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren einen massiven Energieschock. In dieser Zeit haben viele Länder ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern deutlich reduziert und die Diversifizierung der Energieversorgung seit 2022 erheblich beschleunigt. In der EU ist die Produktion erneuerbarer Energien in den vergangenen drei Jahren deutlich stärker gewachsen als im gesamten vorangegangenen Jahrzehnt. Das hat die Resilienz einiger Volkswirtschaften gegenüber den aktuellen Energiepreissprüngen und möglichen künftigen Schocks spürbar gestärkt.

Xavier Veyry: Es ist zweifellos ein sich ständig wandelndes Bild, und diese Risiken lassen sich nicht isoliert betrachten. Krisen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Die einzelnen Risikofaktoren greifen heute jedoch stärker ineinander, über mehr Regionen hinweg und in deutlich höherem Tempo. Als globaler Versicherer sind wir all diesen Dynamiken ausgesetzt. Das versetzt uns in die Lage, Zusammenhänge schneller zu erkennen – und dieses Wissen gezielt zu nutzen, um unsere Kunden zu unterstützen.

Sogar das Länderrisiko, das lange als vergleichsweise stabil galt, wird inzwischen neu bewertet – und das in einer Phase, in der Investitionsprojekte gleichzeitig größer und kapitalintensiver werden. Vor diesem Hintergrund gewinnen Versicherungslösungen im Bereich Political Risk & Credit klar an Bedeutung: Sie schützen Kreditgeber, wenn politische Ereignisse, regulatorische Änderungen oder Zahlungsausfälle eine Rückzahlung verhindern. So tragen sie letztlich dazu bei, Unsicherheit in finanzierbare Risiken zu übersetzen und Investitionen zu ermöglichen.

Für international tätige Unternehmen führt dieses Umfeld zudem zu wachsender Komplexität: Sie müssen den Anspruch auf weltweit möglichst einheitliche Strukturen mit sehr unterschiedlichen lokalen aufsichts- und steuerrechtlichen Vorgaben in Einklang bringen. Gerade hier werden koordinierte internationale Versicherungsprogramme zu einem zentralen Instrument.

Letztlich geht es immer darum, Risiken beherrschbar zu machen und wirtschaftliche Aktivität zu ermöglichen. Das gilt sowohl für Investitionen, die durch Lösungen im Bereich Politische Risiken und Kredit abgesichert werden, als auch für die Aufrechterhaltung von Handelsströmen über Transport- und Kriegsrisikodeckungen oder für die Strukturierung multinationaler Lösungen für global agierende Kunden. Versicherung ist das Instrument, das aus Unsicherheit umsetzbare Entscheidungen macht.

 

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