Captive-Versicherungen – Strategisches Finanzierungsinstrument für den Energiemix von morgen
23. April 2026
Mit dem starken Ausbau erneuerbarer Energieprojekte und der zunehmenden Belastung der Stromnetze entwickeln sich Captive‑Versicherungen von einem Nischeninstrument zu einer strategischen Plattform für Risikokapital. Vicky Roberts‑Mills, Global Head of Energy Transition, und Marine Charbonnier, Head of Captives and Facultative Underwriting für die Region APAC & Europe bei AXA XL, erläutern, wie Unternehmen Captives nutzen können, um Infrastrukturinvestitionen risikoärmer zu strukturieren, zusätzliche Kapazitäten zu erschließen und den langfristigen Übergang zu einer emissionsarmen Stromversorgung zu unterstützen.
Frage: Wie verändert sich die Risikolandschaft für Investoren im Energiesektor?
Vicky Roberts Mills: Wir erleben derzeit einen strukturellen Wandel bei der Verteilung von Kapital. Die Investitionen in erneuerbare Energien sind weiterhin enorm, aber der Fokus liegt nicht mehr nur auf der Erzeugung. Zunehmend geht es um Übertragung und Verteilung – also die Systeme, die sicherstellen, dass erneuerbarer Strom zuverlässig von der Quelle zum Verbraucher gelangt.
Gleichzeitig setzen Netzengpässe, politische Unsicherheiten und geringere Projektmargen die Wirtschaftlichkeit der Projekte unter Druck. Die Elektrifizierung von Haushalten und Verkehr, das Wachstum von Rechenzentren und Verpflichtungen zur Dekarbonisierung tragen zur Steigerung der Stromnachfrage bei. Dies führt zu komplexeren Risikoprofilen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
In diesem Umfeld kann der automatische Griff zur Versicherungspolice sogar kontraproduktiv sein. Wenn auf Wunsch der Kreditgeber jedes Risiko in den kommerziellen Versicherungsmarkt gegeben wird, können die Versicherungskosten die Wirtschaftlichkeit eines Projekts untergraben. Entscheidend ist daher die Frage: Welche Risiken sollten tatsächlich in den Markt transferiert werden – und welche sollten besser selbst getragen werden?
Frage: Welche Rolle spielen Captive‑Versicherungen in diesem Zusammenhang?
Marine Charbonnier: Captives bewegen sich zunehmend an der Schnittstelle von Versicherung und Finanzierung. Sie entwickeln sich von klassischen Instrumenten der Risikofinanzierung zu strategischen Kapitalplattformen.
Für Unternehmen im Bereich erneuerbarer Energien – die in der Regel stärker fremdfinanziert sind und mit geringeren Margen arbeiten als traditionelle Energiekonzerne – können Captives einen Teil der Volatilität aus den Versicherungsprogrammen nehmen, Erträge glätten und einen langfristigen Schutz der Bilanz bieten.
Frage: Frau Charbonnier, Sie haben einmal gesagt, Captives sollen den kommerziellen Markt ergänzen, nicht ersetzen. Was genau meinen Sie damit?
Marine Charbonnier: Captives sind nicht als Ersatzlösung für den kommerziellen Markt gedacht, sondern als ergänzendes Instrument. Die optimale Struktur hängt vom Risikoprofil und vom Reifegrad der jeweiligen Technologie ab.
Bei Standardrisiken in Bauphase und Betrieb kann eine klassische Platzierung im Markt sinnvoll sein. Bei neuen Technologien oder in Bereichen mit begrenzter Risikobereitschaft – etwa bei prototypischen Batteriespeichern oder schwimmenden Offshore‑Windparks – kann eine Captive einen Teil des frühen Entwicklungsrisikos übernehmen. So lassen sich zusätzliche Kapazitäten im Markt erschließen, und Projekte werden überhaupt erst versicherbar.
Wir sehen außerdem immer mehr strukturierte und parametrische Lösungen in Verbindung mit Captives, insbesondere für nicht-sachschadenbasierte Betriebsunterbrechungen (Non‑Damage Business Interruption), etwa bei zu wenig Sonne oder Wind. In einigen Fällen wird eine gezielte Retrozession auf Mehrjahresbasis genutzt, um das Kapital der Captive zu schützen und langfristige Infrastrukturinvestitionen zu unterstützen.
“Captives sind nicht als Ersatzlösung für den kommerziellen Markt gedacht, sondern als ergänzendes Instrument.” - Marine Charbonnier, Head of Captives and Facultative Underwriting für die Region APAC & Europe, AXA XL
Frage: Welche praktischen Empfehlungen geben Sie Unternehmen, die eine Captive in den Bereichen Infrastruktur und erneuerbare Energien in Betracht ziehen?
Vicky Roberts Mills: Zunächst sollten Unternehmen ihre gesamte Wertschöpfungskette in den Blick nehmen und verstehen, wo die wesentlichen Risiken liegen. Befinden sie sich in der Erzeugung, beim Netzanschluss, in der Infrastruktur oder bei ertragsabhängigen Schwankungen durch das Wetter? Und wie werden diese Risiken zwischen den verschiedenen Beteiligten verteilt?
Zweitens ist es wichtig, die Captive frühzeitig in die Diskussion einzubeziehen. Allzu oft wird Versicherung als späte Beschaffungsaufgabe behandelt, die vor allem auf Checklisten der Kreditgeber reagiert. Es lohnt sich durchaus, früher über die Risiken, ihre finanziellen Folgen und mögliche Modelle zur Allokation oder Risikoteilung nachzudenken. Hier können Risikoingenieurinnen und ‑ingenieure sowie Risk Consultants einen echten Mehrwert schaffen. Eine frühzeitige Einbindung der Risikoberatung des Versicherers eröffnet die Möglichkeit, Risiken entlang des Projektlebenszyklus durch geeignete Maßnahmen von vornherein zu reduzieren.
Drittens sollten die Margen berücksichtigt werden. Die Renditen im Bereich erneuerbarer Energien liegen in der Regel unter denen im traditionellen Energiesektor.
Wenn alle Risiken jährlich in den Markt transferiert werden, können die Kosten schnell untragbar werden. Mit einer Captive lassen sich effizient bepreiste Risikoschichten im Unternehmen halten, während externe Kapazitäten dort genutzt werden, wo sie am wirkungsvollsten sind.
Frage: Welche eher technischen oder strukturellen Aspekte sollten Unternehmen dabei berücksichtigen?
Marine Charbonnier: Einige Punkte sind besonders wichtig:
- Klarheit bei der Risikoallokation. Sobald mehrere Parteien in einem gemeinsamen Projektportfolio beteiligt sind, wird es komplexer zu bestimmen, wo genau ein Risiko liegt und wer wofür verantwortlich ist. Die eigentliche Vorarbeit bei der Einbindung einer Captive liegt daher häufig im Bereich Recht und Governance: Es geht darum, klar zu regeln, welche Risiken jede Partei übernimmt – und in welcher Höhe.
- Langfristige Perspektive. Energieinfrastruktur erfordert oft Absicherung über viele Jahre oder Jahrzehnte. Eine Captive muss in der Lage sein, diesen langen Zeitraum zu begleiten – idealerweise mit mehrjährigen Rückversicherungslösungen im Hintergrund, statt sich nur auf jährliche Verlängerungen zu stützen.
- Fundierte Analysen im Vorfeld. Gerade bei parametrischen Deckungen oder neuen Technologien kommt es darauf an, geeignete Datenquellen zusammenzuführen, Naturgefahren zu bewerten und zu verstehen, wo historische Datenlücken bestehen. Wir sehen, dass Captives zunehmend mit Klima- und Risikoexpertinnen und ‑experten zusammenarbeiten, um mögliche Lücken zwischen den tatsächlichen Auswirkungen und der Berechnungslogik der Police zu schließen.
- Strukturen mit ausreichender Flexibilität. Strukturen sollten so gewählt werden, dass sie Optionen offenhalten. Manche Unternehmen richten etwa spezialisierte, auf erneuerbare Energien fokussierte Captives oder einzelne Zellen für bestimmte Assetklassen wie Solar, Wind oder Speicher ein. So können sie zunächst Underwriting‑Erfahrung und belastbare Leistungsdaten sammeln, bevor sie diese Risiken in ein breiteres Captive‑Portfolio integrieren.
Frage: Wie verändern parametrische Lösungen die Diskussion für Unternehmen mit eigener Captive?
Vicky Roberts Mills: Parametrische Versicherungen können aus Kapital- und Finanzierungsperspektive sehr attraktiv sein. Sie leisten Zahlungen, wenn vordefinierte Trigger erreicht werden, anstatt tatsächlich eingetretene Schäden zu regulieren. Das kann die Liquidität stärken und den Abstimmungsaufwand im Schadenfall deutlich senken.
Oft werden parametrische Deckungen jedoch direkt mit klassischen Schadenversicherungen verglichen, obwohl sie andere Ziele verfolgen. Hier gibt es einen gewissen Aufklärungsbedarf – im Risikomanagement, in Captive-Boards und auch bei Kreditgebern.
Für Projekte, deren Erträge stark von Wetterbedingungen abhängen – etwa davon, ob der Wind weht oder die Sonne scheint – können parametrische Programme, gegebenenfalls unterstützt durch eine Captive, einen sehr zielgerichteten Schutz bieten. Sie müssen allerdings sorgfältig ausgestaltet sein, auf einer soliden Datenbasis beruhen und im engen Schulterschluss mit allen Beteiligten entstehen.
Frage: Welche Botschaft möchten Sie Unternehmen mitgeben, die über eine Captive im Zusammenhang mit Investitionen in die Energieversorgung der Zukunft nachdenken?
Marine Charbonnier: Unternehmen sollten ihre Captive nicht als isoliertes Versicherungsvehikel sehen, sondern als strategisches Instrument innerhalb ihrer gesamten Kapitalstruktur. Mit der richtigen Vorbereitung – also einer klaren Governance, fundierten Analysen und einer passenden Strukturierung – lässt sich mehr Kontrolle über Konditionen erreichen, die Stabilität von Prämien und Selbstbehalten erhöhen und eine schnellere, effizientere Schadenbearbeitung sicherstellen.
Vicky Roberts Mills: Zudem ist Risikokapital heute ein zentraler Hebel der Energiewende. Technologie und Regulierung sind wichtig, aber ebenso entscheidend ist der kluge Einsatz von Kapital. Captives, die in Finanzierungsstrategien eingebunden und mit der verfügbaren Marktkapazität verzahnt sind, werden eine Schlüsselrolle dabei spielen, die nächste Wachstumsphase im Bereich der erneuerbaren Energien zu ermöglichen.
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